„Der Stolz auf die alte Kultur und Tradition ist spürbar“

28.11.2016

PTH-Student Frater Severin Parzinger sammelte, übersetzte und editierte „Sermones“ aus den bolivianischen Jesuiten-Reduktionen

Eigentlich wollte Frater Severin Parzinger, Steyler Missionar und Student an der Philosophisch-Theologischen Hochschule SVD St. Augustin, die Musik aus den Jesuitenreduktionen der Chiquitanos in Bolivien erforschen. Doch zunächst entstand durch seine tatkräftige Unterstützung im bolivianischen San Miguel de Velasco eine Edition der traditionellen „Sermones“ in Chiquitano, der Sprache der indigenen Bevölkerung, mit Übersetzung ins Spanische. „Es hat sich in Gesprächen mit dem Ältestenrat gezeigt, dass die Sermones für die Einheimischen Vorrang hatten“, erklärt der junge Steyler Missionar.

Die „Sermones“ sind Festansprachen in Chiquitano, die die Stammesältesten auch heute noch nach den Gottesdiensten in den ehemaligen Jesuitenreduktionen halten. Hierin übersetzten die Ältesten für ihre Angehörigen das in der Messe Gehörte – sowohl sprachlich als auch inhaltlich, indem sie an die Kultur und Lebenswirklichkeit ihrer Zuhörer anknüpften.

Die Jesuiten gründeten die Reduktionen in der südöstlichen Region Boliviens Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie betrachteten die „Sermones“ als Hilfe bei der Evangelisierung. Heute sind die „Sermones“ eine Tradition, die von Sprachkundigen gepflegt wird. Die auswendig gelernten Inhalte und handschriftlichen Aufzeichnungen der Texte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Im Alltag spielt das Chiquitano kaum noch eine Rolle: Nur noch wenige Tausend Menschen sprechen die Sprache.

Die indigene Bevölkerung ist sehr stolz auf Sprache, Musik und Kultur, hat Parzinger beobachtet. „Die ‚Sermones‘ sind für die Einheimischen viel mehr als überlieferte Laienpredigten, sie sind buchstäblich das Wort Gottes und das Gedächtnis des Volkes“, betont er. So sei die Idee zur Sammlung der „Sermones“ entstanden.

Die Globalisierung und die neuen Medien sind im Tiefland Boliviens ebenso angekommen wie in anderen Weltregionen. „Die Menschen stellen sich die Frage, wie ihre Traditionen ihnen helfen können, sich in der neuen Zeit zurechtzufinden. Daher gibt es ein großes Interesse und den Willen, die Überlieferungen zu erhalten“, sagt der Steyler Missionar.

Auf Wunsch der Ältesten und mit Unterstützung eines Teams aus Einheimischen erarbeitete Parzinger während seines einjährigen Forschungsaufenthalts in Bolivien ein Buch der „Sermones“. Dafür lernte er auch Chiquitano. „Ehrlich gesagt habe ich mich zunächst davor gescheut, denn die Sprache gilt als kompliziert“, berichtet Parzinger. „Andererseits ermöglicht sie mir natürlich ein viel tieferes Eintauchen in die Chiquitano-Kultur.“

Der Steyler Missionar aus Deutschland suchte gemeinsam mit dem Unterstützer-Team auch in entlegensten Dörfern der Region nach aufgezeichneten „Sermones“, verglich die Texte, diskutierte mit den Ältesten deren Auswahl und übersetzte sie schließlich ins Spanische. Das so entstandene Handbuch enthält neben rund 50 „Sermones“ und deren Übersetzungen auch eine DVD, auf der die „Sermones“ zu hören sind. Parzinger: „Das ist wichtig, damit Aussprache und Sprachmelodie des Chiquitano nicht verloren gehen.“ Die zusammengestellten „Sermones“ bilden die kirchlichen Feiertage im Jahreskreis ab sowie die jeweiligen Patronatsfeste der Ortschaften. Darüber hinaus sind die digitalisierten Original-Handschriften, Grundgebete und traditionelle Gesänge enthalten.

Die Bereitschaft zur Hilfe und Mitarbeit war groß, erzählt der Steyler Missionar: „Transparenz war uns von Anfang an wichtig. Deswegen waren Treffen immer öffentlich und jeder, der wollte, konnte sich beteiligen.“ Insgesamt, so schätzt er, arbeiteten über 40 Männer und Frauen an der Sammlung mit. Sie trugen rund 250 handschriftliche „Sermones“ zusammen.

Parzinger erzählt begeistert von der inhaltlichen Arbeit an den Texten: „Beim Vergleichen der verschiedenen Versionen und dem Übersetzen ins Spanische kommt man der Seele des Volkes nahe.“ Faszinierend sei für ihn die Beobachtung gewesen, dass manche Deutung einer Predigt oder einer Bibelstelle für ihn als Europäer des 21. Jahrhunderts absolut naheliegend war, andere aber überhaupt nicht: „Die Deutungen beziehen sich auf den Alltag der Zuhörer, auf ihr Denken und ihre Moralvorstellungen – die Einheimischen haben also die Predigten der Jesuiten in ihren kulturellen Kontext übersetzt.“ Dass dieser nicht mehr verloren gehen kann, dafür sorgt jetzt das „Handbuch der Chiquitanischen Sermones von San Miguel de Velasco“.


Über das Buch
„osuputakaj rurasti Tupáj“ lautet der Originaltitel des Buches in Chiquitano, übersetzt „Das Wort Gottes kennen“. Der Untertitel ist Spanisch: „Manual de Sermones Chiquitanos de San Miguel de Velasco y sus Comunidades“ – „Handbuch der Chiquitanischen Sermones von San Miguel de Velasco und dessen Dörfern“. Als Herausgeber firmieren Severin Parzinger und das Cabildo Indígena de San Miguel de Velasco. Das Buch mit DVD wurde in einer Auflage von 400 Stück im Steyler Verlag Editorial Verbo Divino in Bolivien gedruckt. Der Großteil der Auflage wurde dem Volk der Chiquitanos in San Miguel zur Verfügung gestellt.


Über die Jesuiten-Reduktionen
Als Jesuiten-Reduktionen werden Siedlungen bezeichnet, die die Jesuiten für die indigene Bevölkerung Südamerikas im 17. und 18. Jahrhundert anlegte. In der bolivianischen Region Santa Cruz gibt es zehn solcher Reduktionen, die wiederum von kleineren Dörfern umgeben sind. Die historischen Reduktionen sind heute die Zentren der „Sermones“-Tradition. Es gehören schätzungsweise bis zu 87.000 Menschen zum Volk der Chiquitano. Die Sprache wird in der Region, die so groß wie Griechenland ist, nur noch von etwa vier- bis fünftausend Menschen gesprochen. Es gibt allerdings Bestrebungen, die Zahl der Sprecher – etwa durch Schulunterricht – wieder zu erhöhen und die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren.

Die Eroberung Südamerikas durch Spanien und Portugal hatte von Anfang an auch das Ziel, die indigene Bevölkerung zum Christentum zu bekehren. Daneben wollten die Kolonisten Sklaven für ihre Landwirtschaften, die sie aus den Einheimischen rekrutierten. Die Jesuiten dagegen lehnten die Versklavung der Indigenen ab und setzten auf Bildung, Missionierung und Respekt vor der indianischen Kultur. Sie gründeten die so genannten Reduktionen: Siedlungen, in denen die indigene Bevölkerung unabhängig von europäischen Siedlern lebte und vor Versklavung und Ausbeutung geschützt war.

 

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