Auf dem Campus getroffen … Dr. Alden Yepez

12.01.2019

Sankt Augustin / Deutschland - Auf dem Campus getroffen … Dr. Alden Yepez aus Ecuador

Auf dem Campus getroffen … Dr. Alden Yepez aus Ecuador

Heute darf ich hier im Anthropos Institut Dr. Alden Yepez von der Universidad Católica de Ecuador in Quito begrüßen. Dr. Yepez besucht seit einigen Jahren die Bibliothek des Anthro-pos Institutes, wenn er auf Besuch in Europa ist.

H. Grauer: Sehr geehrter Herr Dr. Yepez, Sie sind Archäologe und als profesor agregado am Institut für Archäologie und Ethnologie der Universidad Católica de Ecuador in Quito tätig. Können Sie kurz über Ihren akademischen Werdegang berichten?

Dr. A. Yepez: Ja, sehr gerne! Ich bin im Jahr 1990 mit dem Studium im Fach Ethnologie an der Universidad Católica in Quito eingestiegen. Dort habe ich dann drei Jahre studiert. Nach drei Jahren Ethnologie merkte ich, dass das Fach mich nicht ganz überzeugen konnte. Darauf-hin wechselte ich zur Archäologie. Dies hat etwas Zeit gekostet, da ich aufgrund von Neuzu-lassungsbeschränkungen warten musste. Im Jahr 1995 konnte ich mich dann offiziell an der Católica in Archäologie immatrikulieren.

H. Grauer: Wenn Sie von Archäologie sprechen, dann bedeutet dies in diesem Kontext andi-ne Archäologie?

Dr. A. Yepez: Ja, sozusagen. Das erste Jahr war Theorie, doch dann konnten wir an Prospek-tionen und Ausgrabungen teilnehmen, die vom französischen IFEA (Institut français d’études andines) getragen wurde. Es handelte sich um ein großes Dokumentationsprojekt am Ufer des Upano im Amazonaseinzugsgebiet (Das Gebiet ist heute als eines der „sieben Wunder des Amazonas“ eingestuft, da mittlerweile über 5000 künstliche Erdhügel identifiziert werden konnten).

H. Grauer: Interessant, Sie hatten in einem französischen Projekt als Hilfskraft gearbeitet, wie kam es, dass Sie schon in Ecuador Deutsch gelernt haben?

Dr. A Yepez: Während unseres Studiums hatten wir einen Mustertext für Grabungen, das war das Buch „Ausgrabungen in Cochasquí“, das von Udo Oberem (1923–1986) und Wolf-gang Wurster (1937–2003) in den 1980er Jahren in Spanisch publiziert wurde. Es war für mich prägend. Ich lernte durch dieses Buch die deutsche Grabungsmethodik kennen und da-her wollte ich von der früheren „Bonner Ecuador-Gruppe“ mehr erfahren. Sie wissen sicher-lich, das sind die Archäologen und Ethnologen um Professor Udo Oberem. Ich wandte mich daher an den Betreuer meiner Lizentiaturarbeit, Professor Segundo Moreno Yánez. Er hatte mir viel über seine Studienzeit in Deutschland bei dem Bonner Professor Udo Oberem und mit seinem damaligen Kommilitonen Dr. Albert Meyers erzählt. Ich trat daraufhin mit Dr. Albert Meyers in Kontakt, um mehr über Promotionsmöglichkeiten in Deutschland zu erfah-ren. Er riet mir zunächst einmal, Deutsch zu lernen, um bessere Chance für Stipendien, Stu-dienplätze usw. in Deutschland zu haben.

H. Grauer: Wo und zu welchem Thema haben Sie Ihre Dissertation dann verfasst?

Dr. A. Yepez: Es war an der Universität Bonn, wo ich im Jahr 2008 dann auch meine Disser-tation verteidigen konnte. Die Arbeit handelt über archäologische Funde in den Flusstälern von Cosanga und Quijos am Ostabhang der Anden in Ecuador. Sie schloss sich sozusagen an die Habilitationsarbeit Udo Oberems an, da dieser über das Gebiet ethnohistorisch gearbeitet hatte. Ich hatte nun eine archäologische Perspektive eingearbeitet. Diese Forschung ging im Rahmen einer Kooperation mit Frau Dr. Andrea Cuéllar vonstatten. Unsere Ergebnisse wur-den im Jahr 2010 in Bonn diskutiert.

H. Grauer: Kommen wir nun doch zur Gegenwart? Was ist Ihr derzeitiges Forschungsprojekt und was hat Sie nach Europa geführt?

Dr. A. Yepez: Derzeit bereite ich ein Projekt vor, das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert wird und das am „Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung“ (ÖAW/IGF) in Innsbruck angesiedelt sein wird. Es handelt sich um eine Kooperationsarbeit mit Dr. Andreas Haller, um ein Konzept zu entwickeln, die neuen Fundorte am Vulkan Chim-borazo (Ecuador) anhand der Erfahrungen aus dem Alpenraum in Wert zu setzen.

H. Grauer: Sie sprechen von neuen Fundorten? Beziehen Sie sich dabei auf die Fundorte am Chimborazo, die Sie während Ihres Studienaufenthaltes im Jahr 2016 am Anthropos Institut ausgewertet haben?

Dr. A. Yepez: Ja, auf diese Höhenheiligtümer (auf 3600m bis 4880m), die eine Kontinuität von der präinkaischen Zeit bis in die Gegenwart besitzen, beziehe ich mich. Ich konnte in Fol-ge meines Studienaufenthaltes meinen ersten grundlegenden Artikel zu diesem Thema „Las huacas del vólcan Chimorazo“ in der Zeitschrift Anthropos publizieren (Yepez: 2017: 111-152).

H. Grauer: Das Anthropos Institut ist eher bekannt für seine ethnologische Ausrichtung und weniger für Archäologie, auch wenn es früher Mitglieder gab, die im Bereich der Vor- und Frühgeschichte forschten. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den beiden Fächern Eth-nologie/Kulturanthropologie und Archäologie bzw. näher Vor- und Frühgeschichte für ihren Forschungsansatz bestimmen?

Dr. A. Yepez: Mein Schwerpunkt bei dieser Grabung liegt auf religionsarchäologischen Fra-gestellungen. Das Phänomen Höhenheiligtümer wird auch ethnologisch untersucht und es war für mich daher wichtig, ethnologische Literatur zu diesem Thema zu sichten und diese in ver-gleichender Perspektive für die Interpretationen meiner archäologischen Funde heranzuziehen.

H. Grauer: Wenn Sie hierher kommen, um die Bibliothek zu nutzen, was steht für Sie dabei im Fokus?

Dr. A. Yepez: Die Bibliothek sammelt Fachliteratur aus der ganzen Welt und ich bekomme dadurch einen aktuellen Blick auf die von mir untersuchten Fragestellungen in religionsver-gleichender Perspektive. Es ist für mich sehr praktisch, nicht nur archäologische, sondern gleichzeitig auch religionsethnologische und religionswissenschaftliche Literatur einsehen zu können, insbesondere deutsche, französische und englische Publikationen, die in Ecuador nur spärlich verbreitet ist. Hier ist auf den drei Stockwerken vieles vorhanden und der Katalog ist nutzerfreundlich verschlagwortet. Ich habe hier alles gebündelt vorliegen.

H. Grauer: Wenn ich eine Frage hinsichtlich unserer Zeitschrift Anthropos stellen darf? Kön-nen Sie sich noch daran erinnern, wann Ihnen das erste Mal diese Zeitschrift bzw. ihr Name begegnet ist?

Dr. A Yepez: Ja, ziemlich früh, während meines Studiums in Deutschland. Es war etwa im Jahr 2003. Mein damaliger Doktorvater, Professor Berthold Riese, veröffentlichte damals ein Buch „Crónica Mexicayotl“ in der Reihe „Collectanea Instituti Anthropos“ (Riese 2004). Er hatte wohl infolgedessen eine Exkursion zum Anthropos Institut im Rahmen einer seiner Lehrveranstaltungen angeboten. Ich durfte damals das Institut und die Bibliothek besichtigen. Professor Othmar Gächter gab die Führung durch das Institut.

H. Grauer: Professor Segundo Moreno Yánez, den Sie als Ihren Lizentiatursvater bereits er-wähnten und der eine wichtige Rolle spielte für Ihre Entscheidung nach Deutschland zu ge-hen, hat jüngst ein neues Buch in der Reihe „Studia Instituti Anthropos“ unter dem Titel „Re-ligiones aborígenes en Andinoamérica Ecuatorial“ veröffentlicht (2018). Kennen Sie es?

Dr. A Yepez: Ich kenne natürlich das Buch. Es handelt sich um ein Buch im Rahmen einer Trilogie, deren erster Band hier in Deutschland bei Ihnen veröffentlicht wurde. Der zweite Band erschien in Ecuador und der dritte Band wird in diesem Jahr in Peru erscheinen. Die beiden ersten Bände sind für meine eigene Arbeit sehr wichtig, da sie sich mit prähispanischen Religionen der Anden befassen.

H. Grauer: Sie haben bereits in der Zeitschrift Anthropos veröffentlicht. Es handelte sich dabei um einen Beitrag über die archäologische Erforschung eines Höhenheiligtums auf dem Chimborazo. Wir sprachen bereits darüber. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, diesen Aufsatz Anthropos anzubieten und was verbinden Sie mit der Zeitschrift Anthropos allge-mein? Es gibt viele Veröffentlichungsmöglichkeiten.

Dr. A. Yepez: Ich war sehr dankbar, dass ich die Bibliothek uneingeschränkt nutzen durfte und problemlos ein eigenes Büro mit Schreibtisch erhielt. Außerdem ist Anthropos weltweit verbreitet und ich wollte meinen Fund am Chimborazo einer breiten Leserschaft zugänglich machen.
Außerdem hatte ich bereits zuvor einen Aufsatz in der Festschrift für Frau Professor María Susana Cipolletti „Wege im Garten der Ethnologie“ veröffentlicht. Diese erschien ebenfalls hier, jedoch nicht als Heft der Zeitschrift Anthropos sondern in der Reihe „Collectanea Insti-tuti Anthropos“. Ich hatte damals gute Erfahrungen mit dieser Publikation gemacht. Beides waren Gründe, in Anthropos zu veröffentlichen.

H. Grauer: Der Markt für wissenschaftliche Zeitschriften wandelt sich derzeit rapide. Auch entstehen neue Formen wissenschaftlicher Publikationen, beispielsweise moderierte online-Diskussionsforen. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Zeitschrift Anthropos und wie sollte Ihrer Meinung nach die Redaktion auf diesen Wandel reagieren?

Dr. A. Yepez: Das Prinzip der Schrift wurde in Uruk erschaffen und es gibt Schriften seit tausenden Jahren. Also, ich glaube, dass schriftliche Publikationen auch in Zukunft in der Wissenschaft zentral sein werden.

H. Grauer: Sie wissen, dass das Anthropos Institut und die Zeitschrift Anthropos von einer katholischen Missionsgesellschaft getragen werden. Wie sehen Sie diese Verbindung, also das Engagement einer religiösen Institution in den Wissenschaften?

Dr. Yepez: Ich bin selbst an einer katholischen Universität angestellt. Ich merke, dass hier am Institut und in der Zeitschrift religionsethnologische und religionswissenschaftliche Fragen offen diskutiert werden, und dies ohne dogmatische Vorgaben oder Vorurteile. Somit er-scheint diese Zeitschrift als eine geeignete Plattform, um religionsethnologische und religions-archäologische Artikel seriös zu publizieren und zur Diskussion zu stellen. Sie ist wie ein Ar-chiv, das verhindert, dass unsere Forschungsergebnisse untergehen.

H. Grauer: Gewöhnlich schließe ich ein Interview mit drei Fragen ab, die ich als die drei ro-mantischen Fragen an Ethnologen bzw. Ethnologinnen bezeichne. Ich glaube, dass diese letzt-lich auch einem Archäologen wie Ihnen gestellt werden können. Welcher Ethnie wären Sie gerne einmal vor ihrem ersten Kontakt mit Europäern begegnet? Welche Ethnologin oder Eth-nologen bzw. Archäologin oder Archäologen hätten Sie gerne einmal getroffen oder würden Sie gerne treffen? Und was hätten Sie ihn oder sie gefragt bzw. was würden Sie ihn oder sie fragen?

Dr. A. Yepez: Ich wäre gerne der Bevölkerung der karibischen Inseln, den sog. Taino, begeg-net und würde dann gerne meine Erfahrungen mit den Reisetagebüchern Christopher Kolum-bus vergleichen. Hinsichtlich des Ethnologen, würde ich eindeutig den Ethnologen und Geo-graphen Franz Boas (1858–1942), der wie ich in Bonn studierte hatte, gerne einmal treffen. Ich würde ihn fragen, ob seiner Meinung nach sich seine Forschungsmethoden auch für euro-päische Kulturen eignen würden und mit dieser Frage prüfen, ob er wirklich ein konsequenter Kulturrelativist gewesen ist.

H. Grauer: Ich danke Ihnen für den Besuch und für das Interview. Ich wünsche Ihnen noch einen interessanten Aufenthalt hier in Europa und eine gute Reise nach Tirol. Also, bis zu Ih-rem nächsten Besuch hier am Anthropos Institut!

 
Dr. Alden Yepez 
Dr. Alden Yepez
Harald Grauer 
Harald Grauer