Auf dem Campus getroffen… Frau Professor Alejandra Regúnaga

28.11.2018

Sankt Augustin / Deutschland - Auf dem Campus getroffen… Frau Professor Alejandra Regúnaga aus Argentinien

Auf dem Campus getroffen …

Harald Grauer: Sehr geehrte Frau Professor Regúnaga, Sie stammen aus Argentinien und arbeiten als Linguistin für die argentinische Forschungsstelle CONICET. Diese entspricht in etwa der deutschen Max-Planck-Gesellschaft oder dem französischen CNRS. Können Sie berichten, was Sie hierher nach St. Augustin zum Anthropos Institut geführt hat?
Alejandra Regúnaga: Ich kam wegen meines Arbeitsplans innerhalb des Nationalen Rats Wissenschaftlicher und Technischer Forschungen (CONICET) an das Anthropos Institut, in dem es um eine „Annäherung an die Yagan-Grammatik aufgrund von dokumentarischen Quellen“ geht. Es war mir bekannt, dass die Herausgabe des English-Yahgan Dictionary auf der Grundlage des Manuskripts des englischen anglikanischen Missionars Thomas Bridges durch Martin Gusinde SVD in die Wege geleitet wurde, und aufgrund dieses Hinweises kam ich nach Sankt Augustin.
Harald Grauer: Sie sind Linguistin, die sich mit amerindischen Sprachen Südamerikas befasst, können Sie etwas über Ihren Werdegang erzählen? Wie kamen Sie zur Sprachwissenschaft?
Alejandra Regúnaga: Ich kam zur Linguistik, nachdem ich eine andere Universitätslaufbahn angefangen hatte, die Mathematik. Zur Hälfte meiner Laufbahn entdeckte ich die Nähe, die zwischen den Strukturen der Algebra und der Sprachen besteht und so stieg ich auf eine Laufbahn der Sprachen um, die Literatur und Linguistik einschließt. In meinen Studien wurde ich zunächst auf die klassischen Sprachen gelenkt und später auf indigene Sprachen, besonders im Zusammenhang meines Doktorats.
Harald Grauer: Können Sie etwas über Ihr Studienzeit und den Studienverlauf erzählen? Hatten Sie in Argentinien studiert oder auch in anderen Ländern?
Alejandra Regúnaga: Mein Grundstudium mit Lizenziat in Literatur absolvierte ich an der Universidad Nacional de La Pampa, in Argentinien. Das Doktorat erwarb ich an der Universidad Nacional del Sur (in Bahía Blanca, Argentinien), an der gleichen Universität, an der ich mein Mathematikstudium angefangen hatte. Während des Doktoratsstudiums hatte Gelegenheit zu Forschungsaufenthalten am Institut für Sprachstudien an der Universität von Campinas (Brasilien) und am Max Planck Institut für Evolutive Anthropologie (in der Abteilung für Linguistik, die von Bernard Comrie geleitet wurde). Weitere Forschungsaufenthalte, die zu unschätzbaren Einsichten führten, brachten mich an das Zentrum für Linguistik an der Universität Leiden (einer davon dank eines Stipendiums der Nederlandse Organisatie voor Wetenschappelijk Onderzoek) im Rahmen des Projekts ERC „Die linguistische Vergangenheit von Mesoamerika und den Anden“, das von Willem Adelaar geleitet wurde und im Amsterdam Center für Sprache und Kommunikation (an der Universiteit van Amsterdam) stattfand.
Harald Grauer: Welche theoretischen Überlegungen und Fragestellungen haben auf Ihre linguistische Arbeit den stärksten Einfluss?
Alejandra Regúnaga: Im Lauf der Zeit hat sich das Hauptinteresse meiner linguistischen Arbeit verändert: Ich fing an mit dem Studium der soziolinguistischen Eigenheiten der Umgangssprache meiner Heimatstadt, dann arbeitete ich über die linguistische Typologie südamerikanischer Indianersprachen und jetzt widme ich mich der Forschung über eine fast ausgestorbene Sprache im äußersten Süden Patagoniens, dem Yagan, auf der Grundlage der schriftlichen Dokumente von Missionaren. Dabei ist mein Interesse unverändert geblieben, die Sprache als Kommunikationsinstrument zu untersuchen, und das in einer funktionalen, nicht nur formalen Perspektive. Diese Studien kontextualisiere ich in der Situation, in den sozialen Prozessen und den Verwendungszwecken.
Harald Grauer: Sie arbeiten sowohl über lebende als auch über ausgestorbene Sprachen, wie das Yamana/Yaghan. Mit welchen Fragestellungen und mit welcher Methodik nähern Sie sich diesen ausgestorbenen Sprachen?
Alejandra Regúnaga: Was den speziellen Fall des Yagan angeht, ist es wegen der Eigenheit meiner Forschung – ausgehend von Dokumenten – wesentlich, einen interdisziplinären Zugang zu wählen, der die linguistische Analyse mit Beiträgen der Anthropologie, der Geschichte, der Kommunikationsethnographie verbindet und die Kontexte der Sammlung von linguistischen Daten zu betrachten, seien sie wissenschaftlich, von Forschern oder religiös. Dieses letzte Feld hat eine ungeheure Bedeutung im Fall dieser Sprache und ich bedanke mich für die wertvolle Unterstützung, die ich in letzter Zeit erhalten habe durch den Austausch mit Kollegen der Theologie und der Missionswissenschaft hier in Sankt Augustin.
Harald Grauer: Wie sehen Sie das Verhältnis von Linguistik und Ethnologie? Kombinieren Sie beides in ihrer Arbeit?
Alejandra Regúnaga: Die Ethnologie ist eine Disziplin, die sich notwendigerweise mit der Linguistik ergänzt, wie das seit seinen frühen Anfängen im Jahr 1906 die Zeitschrift Anthropos vorschlägt.
Harald Grauer: Sie haben nicht nur über tote Sprachen gearbeitet sondern auch über lebende Sprachen. Haben Sie während Ihrer Feldforschungen auch mit Missionaren oder Missionarinnen zusammengearbeitet?
Alejandra Regúnaga: Nein, mein erster Kontakt mit Missionaren fand im Zusammenhang mit der Forschung über das Yagan statt.
Harald Grauer: Sie hatten Linguistik studiert. Können Sie sich noch erinnern, wann Sie das erste Mal der Zeitschrift Anthropos oder Mitgliedern des Anthropos Institutes begegnet sind? Wissen Sie noch in welchem Kontext dies geschah? War es während Ihres Studiums oder danach?
Alejandra Regúnaga: Als ich mein Doktorat abgeschlossen hatte, fing ich an mich für das Yagan zu interessieren. Die ersten Hinweise auf diese Sprache fand ich in Veröffentlichungen von Kollegen der Linguistik, die daran arbeiteten, als die Sprache schon sehr bedroht war, zwischen 1970 und 1990 (Perla Golbert in Argentinien, Alba Valencia und Ana María Guerra in Chile), in den Veröffentlichungen von Thomas Bridges Ende des 19. Jahrhunderts, und in den Beiträgen, die in Anthropos in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, unter Martin Gustinde und Wilhelm Koppers erschienen. Der Kontakt mit den Mitgliedern des Anthropos Instituts ermöglichte sich dank meines Kollegen und Freundes Matthias Pache, der in der Zeitschrift veröffentlicht hat.
Harald Grauer: Haben Sie bereits in Anthropos oder einer mit dieser Zeitschrift verbundenen Schriftenreihen publiziert?
Alejandra Regúnaga: Ich habe hier noch nichts veröffentlicht, aber ich hoffe, dass sich bald eine Gelegenheit ergibt, schriftlich diese bereichernde wissenschaftliche Beziehung zum Anthropos Institut wiederzugeben.
Harald Grauer: Sie wissen, dass Anthropos eine Zeitschrift ist, die von einer katholischen Missionsgesellschaft getragen wird, wie sehen Sie das, wenn Missionare sich im wissenschaftlichen Bereich engagieren?
Alejandra Regúnaga: Von Anfang meiner Beziehung zu den Steyler Missionaren ist mir das hohe Bildungsniveau der Steyler aufgefallen. Dieser unglaubliche Wissensschatz, dem ich in Sankt Augustin begegnet bin – ein Wissen, das nicht nur von akademischen Studien, sondern auch von einer Lebenserfahrung auf dem Gebiet der Interkulturalität kommt – hat mich nicht nur in meiner Arbeit als Linguistin, sondern auch in meinem persönlichen Leben bereichert.
Harald Grauer: Wie schätzen Sie die Bedeutung der Zeitschrift Anthropos ein?
Alejandra Regúnaga: Heute ist die Zeitschrift eine unumgängliche Referenz auf dem Gebiet der Anthropologie. Sie veröffentlicht auch weiterhin linguistische Artikel, wenn auch nicht mehr so häufig wie am Anfang ihrer Geschichte.
Harald Grauer: Der Markt für wissenschaftliche Zeitschriften verändert sich derzeit rapide. Zeitschriften werden eingestellt oder erscheinen in neuem Format, etwa nur noch in elektronischer Form. Auch gewinnen neue Publikationswege, wie moderierte online-Foren an Bedeutung. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Zeitschrift Anthropos? Welche Änderungen würden Sie vornehmen?
Alejandra Regúnaga: Zeitschriften in elektronischem Format haben die Möglichkeit, mit großer Geschwindigkeit in alle Welt zu gelangen. Aber wenn sie nicht frei bzw. gratis zugänglich sind, wird der Zugang zur Information ungleich: Er ist leicht für die großen Universitäten, die den Zugang zu den online-Archiven bezahlen können, und sehr schwierig für akademische Institutionen mit beschränkten Mitteln. Ich würde es gern sehen, dass die Inhalte der Zeitschrift der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft gleich zugänglich wären.
Harald Grauer: Das Anthropos Institut ist mit einer theologischen Hochschule verbunden. Mitglieder des Institutes unterrichten angehende Theologinnen und Theologen, die zum Teil auch als Missionarinnen oder Missionare tätig sein werden. Was sollten angehende Theologinnen und Theologen von der Linguistik lernen?
Alejandra Regúnaga: Ich glaube, dass die Linguistik zum Ausbildungsplan von Theologen und Missionaren gehören müsste, weil die Sprache transversal und zentral ist in diesen Disziplinen, wie das auch für alle soziale und humanistische Disziplinen gilt. Ein besseres Verständnis der Eigenart und des Funktionierens der Sprachen wie auch die verschiedenen Aspekte der Kommunikation wären zweifellos eine große Hilfe für ihre zukünftigen Arbeitserfahrungen.
Harald Grauer: Sie erzählten bereits, dass Sie wegen des linguistischen Nachlasses des Steyler Missionars Martin Gusinde hierher an das Anthropos Institut kamen. Dieser hatte als Ethnologe in Feuerland gearbeitet. Können Sie etwas über seinem linguistischen Nachlass sagen? Wie bewerten Sie seine Arbeitsweise und die Qualität der Aufzeichnungen ein?
Alejandra Regúnaga: Die Arbeit von Martin Gusinde zeigt eine sehr hohe methodologische Genauigkeit und begriffliche Klarheit im Bereich der Linguistik, die sich seiner Ausbildung bei Pater Wilhelm Schmidt und seiner langen Zusammenarbeit mit dem Linguisten Ferdinand Hestermann verdankt.
Harald Grauer: Wenn Sie Gusindes Aufzeichnungen mit den Sprachaufzeichnungen professioneller Linguisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichen, fallen Ihnen Unterschiede auf? Was hätte ein professioneller Linguist damals anders gelöst?
Alejandra Regúnaga: Die Beobachtungen von Pater Gusinde über die Sprachen von Feuerland machen einen professionellen linguistischen Eindruck: Er legt eine fortgeschrittene Kenntnis der strukturellen Sprachtheorien an den Tag und verwendet ein System von besonderen Buchstaben für die Darstellung von spezifischen Klängen der Sprachen, die er beschreibt.
Harald Grauer: In der Linguistik wird derzeit von Autorinnen und Autoren wie Otto Zwartjes oder Esther Hernández das Stichwort Missionarslinguistik diskutiert. Linguistische Aufzeichnung von Missionaren und ihre Eigentümlichkeiten, denen lange Zeit von Linguisten wenig beachtet wurden, rücken in das Interesse sprachwissenschaftlicher Forschung. Wenn Sie Martin Gusinde und seine Aufzeichnungen in den Blick nehmen, würden Sie sagen, dass er ein Missionarslinguist war oder eher ein Forscher, der zufälliger Weise auch Mitglied einer Missionsgesellschaft war?
Alejandra Regúnaga: Ja, die missionarische Linguistik wird immer mehr zu einem respektierten und hochgeschätzten Bereich innerhalb der linguistischen Studien. Ich glaube, dass einer der Gründe dafür darin liegt, dass sich hier ein Forschungsfeld anbietet, in dem sich verschiedene Analyserichtungen kreuzen: linguistisch, geschichtlich, spezifische diskursive Gattungen, rhetorische Strategien, Kodifizierungssysteme, kritische Diskursanalysen usw. Sie alle tragen zu einer interessanten Ausweitung der Parameter bei, um sich der ideellen Struktur einer Sprache zu nähern.
Harald Grauer: Sie waren über den Sommer mehrere Wochen hier in der Bibliothek des Anthropos Institutes zu Gast, können Sie etwas von Ihren Eindrücken erzählen? Was schätzten Sie während ihres Forschungsaufenthaltes? Was könnte bis zu ihrem nächst Besuch besser gelöst werden?
Alejandra Regúnaga: Die Zeit im Institut hat mir erlaubt, nicht nur die reichen Materialien in der Bibliothek und im Archiv zu nutzen, sondern auch ein Arbeitsklima zu genießen, das sich auf dem Respekt und der Solidarität gründet. Meine Erfahrung in Sankt Augustin hat meine optimistischen Erwartungen in jeder Weise übertroffen.
Harald Grauer: Vielleicht kommen wir nun zum Abschluss. Es gibt drei romantische Fragen, die man Ethnologinnen und Ethnologen gerne stellt. Diese kann man aber sicherlich auch einer Linguistin richten: Welche Bevölkerungsgruppe hätten Sie gerne vor ihrem ersten Kontakt mit Europäern getroffen? Welche Linguistin oder welchen Linguisten bzw. Ethnologen oder Ethnologin hätten Sie gerne einmal getroffen? Was hätten Sie ihn oder sie gefragt?
Alejandra Regúnaga: Ich glaube, ich kann auf diese drei Fragen mit den Worten eines großen Menschen antworten:
„if I were standing at the beginning of time, with the possibility of taking a kind of general and panoramic view of the whole of human history up to now, and the Almighty said to me, "Martin Luther King, which age would you like to live in?" I would take my mental flight by Egypt and I would watch God's children in their magnificent trek from the dark dungeons of Egypt through, or rather across the Red Sea, through the wilderness on toward the promised land. And in spite of its magnificence, I wouldn't stop there. I would move on by Greece and take my mind to Mount Olympus. And I would see Plato, Aristotle, Socrates, Euripides and Aristophanes assembled around the Parthenon. And I would watch them around the Parthenon as they discussed the great and eternal issues of reality. But I wouldn't stop there. I would go on, even to the great heyday of the Roman Empire. And I would see developments around there, through various emperors and leaders. But I wouldn't stop there. I would even come up to the day of the Renaissance, and get a quick picture of all that the Renaissance did for the cultural and aesthetic life of man. But I wouldn't stop there.”
Und wie Martin Luther Jr. in seinem letzten Diskurs am Tag vor seiner Ermordung sagte, ich würde dem Allmächtigen sagen, dass das der Moment und der Ort ist, an dem ich sein möchte, mit den Menschen, mit denen ich hier bin, mit den Kollegen, die ich in Sankt Augustin kennen lernte, mit den Gelehrten, mit denen ich weiter Fragen entwickeln möchte, denn ihre Weisheit und Erfahrung öffnen mein Verständnis für Themen, von denen ich früher keine Ahnung hatte.
Harald Grauer: Vielen Dank für das informative Gespräch über Ihre linguistische Arbeit, die Zeitschrift Anthropos und Ihren Forschungsaufenthalt hier am Institut. Vielen Dank, dass Sie sich für das ausführliche Gespräch zeitgenommen haben. Beste Wünsche von Seiten des Institutes für Ihre Rückreise nach Argentinien und hoffentlich ein baldiges Wiedesehen hier in St. Augustin auf dem Campus der Steyler-Missionare, vielleicht bereits zur Geburtstagsfeier unseres früheren Direktors.
Alejandra Regúnaga: Ich bedanke mich, bei allen und für alles.

 
Frau Professor Alejandra Regúnaga 
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Harald Grauer 
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