Auf dem Campus getroffen … Frau Rebekka Welker

14.12.2017

Sankt Augustin / Deutschland - Im folgenden Interview stellt sich Frau Rebekka Welker, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Asiatische und Islamische Kunst der Universität Bonn, vor.

Auf dem Campus getroffen …


Abseits des Studienbetriebs empfangen die Institute auf dem Campus der Steyler Missionare in St. Augustin regelmäßig Gastwissenschaftler*Innen, die die Institutsbibliotheken nutzen. Im folgenden Interview stellt sich Frau Rebekka Welker, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Asiatische und Islamische Kunst der Universität Bonn, vor. Dabei erzählt sie auch, welche Gründe sie von Bonn nach Sankt Augustin führen.

Grauer: Sehr geehrte Frau Welker, Sie sind Kunsthistorikerin und promovieren bei Frau Professor Julia Hegewald, Professorin für Asiatische und Islamische Kunstgeschichte in Bonn. Was führt Sie heute in die Bibliothek des Anthropos Institutes?

Welker: Ich suche Publikationen über deutsche und englische protestantische Missionsgesellschaften, die in Indien im 19. Jahrhundert tätig waren. Die Bibliothek des Missionswissenschaftlichen Institutes hatte ich schon früher besucht, aber ich wollte nun auch die Bibliothek des Anthropos Institutes unter dieser Hinsicht durchsehen. Ich hatte sie schon öfters hinsichtlich anderer Themen benutzt. Glücklicherweise konnte ich auch heute in Sammelbänden und Zeitschriften fündig werden.

Grauer: Können Sie etwas über Ihre Studienzeit erzählen?

Welker: Ich habe an der Universität Marburg einen Bachelor Studiengang abgeschlossen, der im Hauptfach europäische Kunstgeschichte umfasste und in den Nebenfächern Kultur- und Religionswissenschaften. Dabei hatte die Religionswissenschaft einen Schwerpunkt auf objektbezogene Analysen, da die Marburger Religionskundliche Sammlung von den beiden damaligen Dozentinnen Katja Triplett und Adelheid Herrmann-Pfandt stark in die Lehrveranstaltungen eingebunden wurde. Auf diese Weise begegnete ich im damaligen Studium erstmals asiatischer religiöser Kunst. Es eröffnete mir auch einen anderen Blick auf Kunst, als ich ihn in der europäischen Kunstgeschichte vermittelt bekam. Damals hatte ich im Zuge der Ausstellung „Tibet in Marburg“ das erste Mal direkten Kontakt mit Ausstellungsplanung und der Erstellung von Katalogen. Nach dem Bachelor wechselte ich an die Universität Bonn, um dort den Masterstudiengang Europäische Kunstgeschichte zu studieren. Im Laufe dieses Studiengangs ging ich für ein Jahr an die Sorbonne IV, um mich neben der europäischen Kunstgeschichte auch mit südasiatischer Kunstgeschichte zu beschäftigen. Nach meiner Rückkehr aus Paris begann ich meine Masterarbeit über Albert Kahn und dessen Fotoprojekt „Les archives de la planète“ zu schreiben. Die Literaturrecherche für meine Arbeit führte mich in das Anthropos Institut, da ich Literatur über den europäischen Blick auf das Fremde und sog. ethnographische Fotografie suchte. Diese gab es dort gebündelt. Nach dem Abschluss des Masters wechselte ich zur asiatischen Kunstgeschichte, begann ein Promotionsstudiengang bei Frau Professor Julia Hegewald und wurde dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt. In diesem Rahmen unterrichte ich Kurse, wobei ich zur Vorbereitung und Literaturrecherche auch die Bibliotheken des Anthropos Institutes, der Monumenta Serica und des Missionswissenschaftlichen Institutes nutze. Innerhalb von Einführungskursen habe ich auch Exkursionen zum Haus Völker und Kulturen angeboten.

Grauer: Worin besteht Ihr derzeitiges Forschungsprojekt?

Welker: Ich versuche, die Bildstrategien innerhalb der Zeitschriften protestantischer Missionsgesellschaften des langen 19. Jahrhunderts, insbesondere der Basler Mission, im Blick auf Südasien zu analysieren. Hierbei betrachte ich insbesondere das Text-Bild-Verhältnis und die Komposition der Bilder. Dabei möchte ich insbesondere die Vorlagen für die graphischen Darstellungen analysieren und die Traditionen aufweisen, innerhalb derer sie sich bewegen und die sie wiederum selbst generiert haben. Dies geschah durch die Rekontextualisierungen der Bilder in späteren Publikationen der betreffenden Missionsgesellschaften. Ein anderer Punkt meiner Arbeit bildet die Herausarbeitung des Verhältnisses zwischen fotografischen Vorlagen und deren Umsetzung in Grafiken.

Grauer: Sie erwähnten Exkursionen zum Haus Völker und Kulturen. Können Sie etwas Näheres darüber erzählen?

Welker: Ich besuchte mit den Einführungskursen zwei Mal das Haus Völker und Kulturen, um die dort präsentierten Kalamkaris zu besichtigen. Die Lage des Museums ist höchst praktisch, da wir einfach in der Haltestelle Juridicum einsteigen und dann direkt nach Sankt Augustin fahren können. Dadurch dass die Kalamkaris großformatig sind, lassen sie sich sehr gut mit größeren Gruppen wie einer Seminargruppe gemeinsam besichtigen. Dies sind natürlich äußere Gründe, aber durchaus auch relevant. Aber mit Hilfe der Kalamkari lassen sich unterschiedliche Fragestellungen auch sehr gut thematisieren, die wir bereits in dem Kurs durchgenommen hatten; wenn dies nicht so wäre, würde ich den Besuch auch nicht in meine Lehrveranstaltung einbinden. Anhand dieser Bilder lassen sich sowohl traditionelle Fragestellungen wie Textiltechniken und Ikonographie besprechen, aber auch moderne Themen wie Transkulturalität und Hybridität. Der Besuch des Museums und die Kalamkaris sind bei den Teilnehmerinnen immer sehr beliebt.

Grauer: Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie das erste Mal auf die Zeitschrift Anthropos stießen? Nutzen Sie heute die Zeitschrift Anthropos?

Welker: Ich stieß auf die Zeitschrift Anthropos in der Bibliothek der Vergleichenden Religionswissenschaft in Bonn, wo sie unter den Zeitschriften ausliegt. Diese liegt ja auch ganz in der Nähe unserer Abteilung. Ich nutze aber zumeist den Rezensions- und Neuerscheinungsteil. Hinsichtlich des Rezensionsteils ist anzumerken, dass wir von Seiten der Abteilung für Asiatische und Islamische Kunst Exemplare unsere Schriftenreihe Studies in Asian Art and Culture der Zeitschrift Anthropos als Rezensionsexemplare zukommen lassen. Dies ist eine interessante Besprechungsplattform für uns, da wir hierüber einen breiteren und internationalen Leserkreis ansprechen. Die Reihe ist selbst einem transdisziplinären Ansatz verpflichtet. Sie auf diese Weise einer Leserschaft vorzustellen, die über Kunsthistorikerinnen hinausgeht, ist für uns eine gute Chance.

Grauer: Bisher sind bereits zwei Besprechungen von SAAC Bänden in Anthropos erschienen. Wir freuen uns auch darauf, weitere Bände besprechen lassen zu können. Sie sprachen gerade von einem transdisziplinären Ansatz. Können Sie diesen Ansatz der SAAC Reihe etwas genauer erläutern?

Welker: Der Fokus ist nicht nur auf die klassischen Genres wie Malerei, Skulptur, Architektur oder Archäologie gelegt, sondern es werden auch dekorative Künste, Schmuck, Volkskunst, Textilien, aber auch Fotografie, Film und neue Medien integriert. Für die Reihe wichtig sind insbesondere Themen zu Jain, mit denen wir eben auch Religionswissenschaftler ansprechen. Auch versuchen wir Überblickwerke für Studierende zu publizieren, wie den Band von Tiziana Lorenzetti über Hindu-Tempel, der zeitnah in Anthropos besprochen wurde.

Grauer: Haben Sie bereits in der Zeitschrift Anthropos veröffentlicht?

Welker: Nein, als Kunsthistorikerin habe ich noch nicht dort veröffentlicht.

Grauer: Der Umbruch auf dem Markt für wissenschaftliche Zeitschriften macht auch vor ethnologischen Zeitschriften nicht halt. Viele auch über Jahre etablierte Zeitschriften, die Sie vielleicht auch als Kunsthistorikerin kennen, wurden eingestellt oder erscheinen nur noch digital im Internet (vgl. Cultural Anthropology, Ethnology, Ethnoscripts, Temenos). Auch wird das Konzept der Zeitschrift gänzlich in Frage gestellt und nach neuen Wegen der wissenschaftlichen Kommunikation gesucht – wie moderierten online-Plattformen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Anthropos, einer Zeitschrift, die nun schon seit über 110 Jahren im Druck erscheint?

Welker: Ich denke, dass Printausgaben wichtig sind. Rein digitale Formate und Vertriebswerke bergen letztlich schwer zu kalkulierende Gefahren, etwa im Blick auf Lizenzgebühren und technische bedingte Ausfälle von Zugängen. Ich nutze natürlich immer wieder online-Dienste, etwa auch um über Jstor alte Artikel aus Anthropos herunterzuladen. Aber wenn ich die Beiträge, insbesondere wenn es längere sind, wirklich lese und mit ihnen arbeite, drucke ich mir die Beiträge aus, um am Papier zu arbeiten. Unsere SAAC Reihe ist nur in gedruckter Form erhältlich. Vielleicht sind Kunsthistoriker in diesem Punkt allgemein etwas konservativer und schätzen den Wert des gedruckten Buches sehr hoch.

Grauer: Gewöhnlich stelle ich zum Abschluss noch die berühmten drei romantischen Fragen, die Ethnolog*Innen immer wieder gestellt werden. Welche Ethnie hätten Sie gerne vor dem Erstkontakt mit Europäern getroffen? Welchen Ethnologen oder welche Ethnologin hätten Sie gerne einmal getroffen? Was hätten Sie sie gefragt? Nun sind Sie keine Ethnologin, sondern Kunsthistorikerin. Gibt es äquivalente Fragen für Kunsthistoriker*Innen? Vielleicht: Welchen Künstler hätten Sie gerne getroffen? Welche Kunsthistorikerin oder welchen Kunsthistoriker hätten Sie gerne getroffen und was hätten Sie ihn oder sie gefragt?

Welker: Als Kunsthistoriker wird man so etwas irgendwie nicht gefragt. Es sind eher Fragen, die von außen an einen herangetragen werden. Im Blick auf südasiatische Kunst, gibt es das Phänomen, dass es einfach sehr viel Kunst gibt, deren Entstehungskontext nur schlecht rekonstruiert werden kann, insbesondere im Blick auf die dahinter stehenden Personen. Daher wäre es für mich reizvoll, einmal einen dieser anonymen Bildhauer oder Maler kennen zu lernen, deren Werke ich in meinen Kursen mit den Studierenden bespreche.
Vielleicht würde ich gerne einmal mit der Künstlerin und Kunsthistorikerin Alice Boner reden, da sie durch ihren künstlerischen Zugang zu indischen Skulpturen auch deren Komposition genau analysiert und verstanden hat. Daran sieht man, wie wichtig ein genauer Blick für das Visuelle für die Wissenschaft ist.

Grauer: Sehr geehrte Frau Welker. Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen für die Bereitschaft, an dem Interview teilzunehmen, bedanken. Vielen Dank für das interessante Gespräch, in dem Sie über Ihre Forschungsinteressen und Ihre unterschiedlichen Begegnungen mit den Institutionen auf dem Campus der Steyler Missionare gesprochen haben.

Kurzinfo:

Rebekka Welker, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Asiatische und Islamische Kunstgeschichte des Instituts für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn. Studium der Asiatischen und Europäischen Kunstgeschichte, sowie der Vergleichenden Kultur- und Religionswissenschaften in Marburg, Bonn und Paris.
Ihr Forschungsgebiet ist die Darstellung Indiens in Grafik und Fotografie protestantischer Missionen des 19. Jh. Weitere Interessensgebiete umfassen Kunsttheorie, indische Kunstgeschichte und der transkulturelle Austausch von Medien und Ideen zwischen Europa und Asien im 19. und 20. Jh.

 

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Frau Rebekka Welker 
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Harald Grauer 
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