Auf dem Campus getroffen ...

07.08.2017

Sankt Augustin / Deutschland - Frau Professor María Susana Cipolletti aus Parque del Plata, Uruguay

Auf dem Campus getroffen … 

Abseits des Studienbetriebs empfangen die Institute auf dem Campus der Steyler Missionare in St. Augustin regelmäßig Gastwissenschaftler*Innen, die die Institutsbibliotheken nutzen. Das folgende Interview ist mit Frau Professor María Susana Cipolletti aus Uruguay geführt. Die Humboldt-Stiftung finanziert ihren diesjährigen Forschungsaufenthalt an der Universität Bonn. Während dieses Aufenthaltes besuchte die Ethnologin zwischen Juni und August 2017 mehrfach das Anthropos Institut.

Im Interview, das am 31.07.2017 im Anthropos Institut auf Deutsch geführt wurde, spricht Frau Professor Cipolletti über ihren Lebensweg, ihre Forschungen und ihre Begegnungen mit dem Anthropos Institut und der Zeitschrift Anthropos.

Grauer: Sehr geehrte Frau Professor Cipolletti, Sie sind in Buenos Aires geboren und haben dort auch Literaturwissenschaften studiert. Erst nach ihrem ersten Studium kamen Sie zur Ethnologie und dies in den – gerade auch in Lateinamerika – politisch bewegten Zeiten der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Können Sie etwas über Ihren Lebens- und Studienweg erzählen? Wie war ihre erste Begegnung mit Deutschland?

Cipolletti: Eigentlich habe ich Literaturwissenschaft bis zur Hälfte studiert, wechselte dann zur Ethnologie. Um die deutsche Literatur wie Hölderlin, Rilke und Mann besser zu verstehen, begann ich in Argentinien Deutsch zu lernen. Dabei lernte ich die Arbeiten von Otto Zerries und Karin Hissink kennen, deren Arbeiten bei den Takana Boliviens mich sehr beeindruckten. Zerries hat mich sehr interessiert wegen seiner vergleichenden Arbeiten zu südamerikanischen Mythologien. Das war damals der Anfang der Guerillazeiten in Argentinien, als die Bomben explodierten, aber immer da, wo man gerade nicht war.

Meine erste Begegnung in Deutschland war in München mit Otto Zerries. Dort trafen sich etwa zehn oder zwölf Doktoranden, die sich insbesondere mit der Mythologie Südamerikas befassten und mit denen ich teilweise bis heute Kontakt habe.

Grauer: Sie kamen zur Promotion nach Deutschland, genauer gesagt nach München. Damals lehrten in München die beiden Ethnologen Laszlo Vajda und Otto Zerries. Unterschied sich das Studium dort in München von ihrem Studium in Argentinien?

Cipolletti: Eigentlich kam ich zunächst mit Unterstützung des DAAD nur für ein Jahr nach Deutschland und aus diesem Jahr wurden dann vier Jahre bis zur Promotion. Die Art des Studiums unterschied sich sehr. In Buenos Aires wurden damals sowohl die Ethnologie als auch die Archäologe, mit der ich nichts zu tun hatte, von Professoren vertreten, die nach dem Krieg aus Europa nach Argentinien gekommen waren. In Ethnologie waren es vor allem Marcelo Bórmida und in Archäologie Oswald Menghin, der natürlich schon sehr alt war. In der Ethnographie waren die eigentlichen Prüfungsthemen die Kulturkreislehre, Adolf E. Jensen und die Kulturmorphologie und die Religionsphänomenologie Rudolf Ottos, Gerardus van der Leeuws und Ernesto de Martinos. Regional war das Studium begrenzt auf die Ethnien bei denen die Professoren forschten. Diese Ethnien lebten vor allem in der Region des Gran Chaco (Argentinien, Bolivien, Paraguay). In München war die Lage umgekehrt, die Auseinandersetzung mit Ethnien war viel breiter, auch was die materielle Kultur betrifft, aber zugleich spielten außer A. E. Jensen, die soeben genannten Wissenschaftler in München keine Rolle. Diese galten als Theologen und nicht als Ethnologen. Was Laszlo Vajda betrifft, er war wohl einer der letzten Universalgelehrten abgesehen von Südamerikas. Dies hatte ihn nicht begeistert, das war nicht sein Thema. Trotzdem war es so, dass fast alle, die bei Otto Zerries promovierten, in Laszlo Vajda eine Art zweiten Doktorvater fanden. Vajda hat alles hinterfragt und da musste man dann einfach weiterdenken. Vielleicht ist es nur eine Anekdote, aber sie ist bezeichnend: Er hatte neben seinem Büro ein zweites Büro für die Doktoranden und da er nachts arbeitete, musste man auch nachts dort präsent sein und arbeiten … So war das damals.
Meine erste Bekanntschaft mit Bonn lief über ein Stipendium der Humboldtstiftung. Zwischen 1985 und 1987 war ich im alten Seminar für Völkerkunde der Universität Bonn. Udo Oberem leitete damals das Institut. Dort wurde vor allem über Ecuador geforscht. Ich hatte bis dahin bei den Secoya, im Tiefland Ecuadors, ethnographisch gearbeitet. Hier in Bonn erschloss sich mir das Themenfeld der Ethnohistorie, ein Zugang von dem ich bis heute profitiere. Ich hatte damals die Möglichkeit, die ethnohistorischen Quellen genau einzusehen.

Grauer: Welche wissenschaftlichen Ansätze waren damals für Sie von Bedeutung?

Cipolletti: Derjenige, der in damals in Buenos Aires Ethnologie studierte, musste einen phänomenologischen Ansatz verfolgen. Alles andere war tabu. Aus diesem Grund wollte ich bei Otto Zerries oder einem anderen Ethnologen studieren, der einen Ansatz jenseits der Phänomenologie verfolgte.
Grauer: In München promovierte in dieser Zeit auch der Steyler Missionar Ewald Böning (1905-1981), der zuvor in Chile als Missionar unter den Mapuche tätig war. Sind sie ihm begegnet?

Cipolletti: Ich bin ihm nie persönlich begegnet. Seine Arbeiten habe ich aber vermittelt durch Otto Zerries kennengelernt. Sein Pillán-Buch ist sehr gut und seine beiden kurzen Artikel über die Schamanentrommel der Machi, die in Anthropos erschienen sind, zeugen von hoher Kenntnis der Religion und Kultur der Mapuche; er starb zu früh.

Grauer: Sie verfassten den Beitrag über Schamanismus im Tiefland Südamerikas für den von Ioan P. Culianu herausgegebenen Ergänzungsband zu Mircea Eliades (1907-1986) unvollendeter Geschichte der religiösen Ideen. Sind Sie dem Religionswissenschaftler und Romancier Eliade, der nebenbei gesagt in den 1940er und 1950er Jahren, während seiner Reisen zu den Eranos Tagungen, auch regelmäßig das Anthropos Institut an seinem damaligen Standort in der Schweiz besuchte, persönlich begegnet? Wie kam es zu der Mitarbeit an diesem Band, der erst nach Eliades Tod erschien und von dessen Schüler Ioan P. Culianu herausgegeben wurde?

Cipolletti: Ich bin ihm nie persönlich begegnet und wurde vom Herder Verlag und Mark Münzel kontaktiert. Aber Sie wissen wohl, Eliade schreibt in einem seiner Tagebücher, wie er auf dem Weg nach Ascona am Anthropos Institut halt macht und mit einem Koffer voller Bücher weiterfährt…

Grauer: Eliades Tagebücher geben Einblicke in eine Wissenschaftswelt, die heute sehr fremd erscheint. Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte stellt Schamanismus im Tiefland Südamerikas dar, insbesondere bei den Secoya im ecuadorianischen Teil Amazoniens. Wie bewerten Sie den Einfluss von Eliades Schamanismuswerk auf Ihre Arbeit? Welche Bedeutung würden sie ihm heute zusprechen?

Cipolletti: Ich glaube diese Frage könnte das ganze Interview beanspruchen. Um die Bedeutung Eliades zu zeigen, muss man bedenken, was es zuvor gab. Nicht lange zuvor diskutierte man noch die These der arktischen Hysterie und er schrieb in Paris arm und ohne Anstellung das Buch über Schamanismus. Es gab einen ganz neuen Zugang zu dem Phänomen.
Ich denke meine Arbeit wurde schon dadurch beeinflusst, dass man durch die Lektüre des Buches so viele ähnliche Phänomene aus allen Weltteilen kennengelernt hat. Aber ich finde weiterhin großartig seine Definition der Ekstase als Aussendung der Seele verknüpft mit der Kosmosreise. Eigentlich, was diesen Satz betrifft, wäre jeder Schamane im Tiefland Südamerikas auch heute noch mit Eliade einig. Ich denke auch seine Unterscheidung von Ekstase und Besessenheit ist weiterhin treffend, auch wenn heute in der Forschung beides wieder oftmals vermischt wird. Übrigens hat Eliade lange Zeit den südamerikanischen Schamanismus wenig beachtet, wegen seiner Nutzung von Halluzinogenen.

Grauer: Die Einschätzung kippt wohl spätestens mit seinem Artikel in der Encyclopedia of Religions, dessen genaue Entstehenszeit einmal geprüft werden müsste. In seinem Beitrag über Schamanismus in der dritten Auflage der Religion in Geschichte und Gegenwart ist Südamerika noch nur am Rande erwähnt.

Grauer: Falls ich Sie, als Leserin, noch auf die andere Seite von Eliades Werk ansprechen dürfte? In welchem literarischen Text Eliades sehen Sie sein Schamanismusverständnis am eindrücklichsten zur Sprache gebracht?

Cipolletti: Ich denke in seinen Romanen spielt sich ab, was jeder Ethnologe im Tiefland findet: die Ambivalenz. Die Charaktere in den Mythologien des Tieflandes sind nicht eindeutig gut oder böse. Es gibt eine Fluktuation und die Personen agieren in Grautönen. Der literarische Aspekt Eliades wurde in der Rezeption von seiner wissenschaftlichen Arbeit in den Schatten gestellt, aber er selbst sah sie als gleichwertig an.

Grauer: Und ganz unabhängig davon. Welchen literarischen Text Eliades schätzen Sie am meisten?

Cipolletti: Auf der Mântuleasa Straße und Fräulein Christine , eine Erzählung über Vampirismus, die rumänischem Volksglauben anknüpft.

Grauer: In den 1980er setzte eine, letztlich bis heute nicht verebbte Diskussion über die Beziehung zwischen Ethnologie, Literatur und Literaturwissenschaften ein. Wie sehen Sie als Ethnologin, die selbst Literaturwissenschaften studiert hat, diese Diskussionen? In welchen Punkten sehen Sie sich von diesen Diskursen beeinflusst bzw. eingebettet?

Cipolletti: Für mich stellten diese Diskussionen, die damals in der US-amerikanischen Ethnologie geführt wurden, letztlich keinen Bezugspunkt da.

Grauer: Waren diese Diskussionen, die seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre in Rückbezug auf den Sammelband Writing Culture geführt wurden, für Sie letztlich auch weniger bedeutsam, da, wie auch John R. Eidson in einer Besprechung von Karl Heinz Kohls Band Abwehr und Verlangen herausstellt, ähnliche Diskussionen bereits zuvor in Deutschland präsent waren? Es sei hierbei neben Schriften K.-H. Kohls auch auf Arbeiten Fritz Kramers, Hans-Jürgen Heinrichs und Hans Peter Duerrs verwiesen.

Cipolletti: Ja, das könnte man so formulieren.

Grauer: Wie war Ihre Wahrnehmung des Aufsatzes Können Hexen fliegen? und des daraus hervorgegangenen Buches Traumzeit ? Sie erschienen in der Zeit, in der Sie in München lebten. Diese frühen Schriften Hans Peter Duerrs betrafen unmittelbar Ihre Forschungsfelder und Ihre Tätigkeit als Feldforscherin innerhalb durch Schamanismus geprägter Ethnien.

Cipolletti: Können Hexen fliegen? – das schlug ein wie eine Bombe! Da hatte man damals den Eindruck, dass Hans Peter Duerr wirklich den Finger in eine Wunde gelegt hat, in einen Bereich der Feldforschung, der zu wenig beachtet wurde.

Grauer: Wenn man Ihre gemeinsam mit Fernando Payaguaje erstellten Arbeiten betrachtet, insbesondere den Band La fascinación del mal, war es aus dieser Zeit vielleicht der dialogische Ansatz Marjorie Shostaks , der für Sie inspirierend wirkte?

Cipolletti: Eigentlich nicht. Ich kenne das Buch natürlich. Marjorie Shostak war aber zu wenig theoretisch fundiert. Ich glaube, ich schrieb das Buch gemeinsam mit Fernando Payaguaje, weil wir den Indigenen schuldig sind, auch ihre Perspektive auf die Geschichte zu verbreiten und weil ich sein Leben und seine Lehre als Schamane faszinierend fand. Es entsprang eher aus dem Herzen und nicht aus irgendwelchen wissenschaftlichen Diskussionen heraus.

Grauer: Können Sie etwas über Ihr aktuelles Forschungsprojekt in Bonn berichten? Bestehen direkte Bezüge zur Arbeit des Anthropos Institut?

Cipolletti: Das wird sich noch herausstellen. Es war gedacht, dass die Hälfte der Zeit zur Literatursuche für meine eigenen Forschungen verwendet werden sollte und dann die Vorbereitung einer Ausstellung über die Ayoreo in Bolivien und Paraguay. Als ich in Bonn lehrte, gab ich Museumspraktika, die sich mit den in Bonn lagernden Ayoreo-Sammlungen von Heinz Kelm und Bernd Fischermann befassten. Seit ein paar Tagen haben wir auch die Ayoreo-Sammlung des Mediziners Ulf Linds als Leihgabe. Ulf Lind hatte eine ethnomedizinische Untersuchung bei den Ayoreo in den späten 1960er Jahren durchgeführt. Auf dieser Feldforschung basierte seine Bonner Dissertation. Im Prinzip ist die Gegend nicht die Gegend in der ich forsche, aber es handelt sich um eine im Prinzip einfache materielle Kultur, die einer nicht sesshaften Ethnie entstammt, die in einer sehr schwierigen Umwelt lebt. Aber jeder dieser Gegenstände hat eine Geschichte, wie wir sie aus der Mythologie kennen. Die Vorfahren verwandelten sich in verschiedene Objekte und jedes dieser Objekte ist mit einem kurzen therapeutischen Gesang verknüpft. Die Ayoreo zählen m. E. zu den Ethnien mit der kompliziertesten Kosmovision. Jedes Objekt zählt zu einem von sieben Klans. Was mich daran interessiert ist, dass eine Gesellschaft mit einer sehr einfachen materiellen Kultur ein hochkomplexes Weltbild erschaffen hat.

Grauer: Ihr Lebensweg führte sie über Tübingen, Frankfurt a. M. und Freiburg i. Br. nach Bonn, wo sie bis zu ihrem Ruhestand als Professorin an der Universität tätig waren. Schon zu Ihrer Bonner Zeit nutzten Sie auch die Bibliothek des Anthropos Institutes. Was ist für Sie an dieser Bibliothek von besonderem Interesse und was schätzen Sie an ihr?

Cipolletti: Ich schätze die Themenbreite der Bibliothek. Sie eignet sich sehr gut, um über den Tellerrand zu schauen, da sie nicht auf ein Regionalgebiet fixiert ist; insbesondere die Zeitschriftenabteilung. Sie ist einzigartig in Deutschland.

Grauer: Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie das erste Mal von der Zeitschrift Anthropos oder dem Anthropos Institut gelesen oder gehört haben? In welchem Kontext war dies? War dies schon während Ihrer Studienzeit in Argentinien?

Cipolletti: Anthropos war von Anfang meiner Studienzeit in Buenos Aires ein echtes Muss. Die Bibliographien, die wir zum Lesen erhielten, enthielten immer ein oder zwei Artikel aus Anthropos.

Grauer: Als Sie in München studierten, wie wurde damals die Zeitschrift Anthropos von den Dozenten gesehen? Spielte sie im Studium eine Rolle?

Cipolletti: In München war es ähnlich wie Argentinien. Sie zählte zu den ersten Zeitschriften, die man sich anschaute.

Grauer: Was verbinden Sie heute mit der Zeitschrift Anthropos und dem Anthropos Institut?

Cipolletti: Außer dem wissenschaftlichen Aspekt, über den wir bereits gesprochen haben, würde ich sagen, dass ich eine Atmosphäre der Widmung an wissenschaftliche Arbeit damit verbinde, die vielleicht andernorts verlorengeht.
Meine letzten Jahre als Dozentin wurden geprägt durch Akkreditierungsverfahren und andere administrative Verpflichtungen und wenn man hierher kam, man fühlte sich wie ein Pilger im Mittelalter: Es gab Kriege, Pest und Chaos und man klopfte am Kloster an und bekam die Antwort: Komm herein, die Brüder arbeiten gerade. Hier im Anthrops Institut lief ich die Fluren entlang und sah die Mitarbeiter bei der Arbeit und es ist bis heute so. Und ich konnte ungestört arbeiten.

Grauer: Sie haben mehrere Artikel in Anthropos veröffentlicht und verfassen regelmäßig Rezensionen, die dort publiziert werden. Ihr erster Aufsatz in Anthropos erschien im Jahr1988. Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht für das Veröffentlichen in dieser ethnologischen Zeitschrift?

Cipolletti: Ich habe die Zeitschrift seit Anfang meiner Studienzeit in Ihrer Breite und Qualität schätzen gelernt. Die Tatsache, dass Anthropos Artikel gleichberechtigt in unterschiedlichen Sprachen veröffentlicht, lässt andere namhafte Zeitschriften provinziell erscheinen und das praktisch ohne Schreibfehler.

Grauer: Wie Sie wissen, wird das Anthropos Institut und die Zeitschrift Anthropos von einer katholischen Missionsgesellschaft getragen. Wenn ich richtig informiert bin, fand Ihr erster Besuch hier im Institut und in der Bibliothek im Rahmen einer Exkursion mit Bonner Studierenden der Ethnologie statt. Sie gaben an der Universität Bonn ein Seminar über das Thema „Mission und Ethnologie in Südamerika“, besuchten mit den Studierenden damals die Bibliothek und die Redaktionsräume des Anthropos Institutes und diskutierten das Thema mit dem damaligen Chefredakteur des Anthropos, Prof. Othmar Gächter.
Das Verhältnis zwischen Ethnologen/Linguisten und Missionaren gestaltet sich bekannterweise nicht immer spannungsfrei und wird breit diskutiert. Wie bewerten Sie es als Ethnologin, dass eine Missionsgesellschaft eine ethnologische Zeitschrift herausgibt und sich auch anderweitig, etwa mit der sinologischen Zeitschrift Monumenta Serica im Bereich der Geistes- bzw. Kulturwissenschaften engagiert?

Cipolletti: Ich finde, dass Mitglieder einer Missionsgesellschaft, die eine theologische Ausbildung haben und gleichzeitig nicht auf ihre eigene Vorstellungswelt fixiert sind, einen eigenen oder besonderen Zugang zu fremden religiösen Vorstellungen haben. Sie verstehen vieles sehr gut.

Grauer: Wenn Sie heute an die Barbados-Erklärung von 1971 denken, die ein Missionsmoratorium forderte (die ökumenische Weltmissionskonferenz in Bangkok trat zwei Jahre später für ein Moratorium der Entsendung westlicher Missionare ein), denken, wie sehen sie diese Forderung?

Cipolletti: Diese Forderung ist in der Gegenwart altmodisch. Es ist ja ein halbes Jahrhundert seitdem vergangen. Ich denke die meisten Missionare haben heute ja auch ein anderes Missionsverständnis. Sie kommen nicht, um direkt zu missionieren, sondern um mit den Indigenen zu leben und sie zu begleiten. Ich denke, es gibt viele Fälle, die zeigen, dass viele indigene Gesellschaften heute schlechter dastehen würden ohne Missionare. Ich möchte nur ein Beispiel geben: Italienische Missionare der Salesianer haben Anfang der 1970er Jahre den Anstoß gegeben zur Gründung der Föderation der Shuar. Dank dieses Vorbildes und anhand dieses Musters sind praktische alle indigenen Föderationen in Südamerika entstanden. Im Blick auf Missionare aus dem freikirchlich-pentekostalen oder evangelikalen Bereich besteht vielerorts eine andere Situation, da sie die indigenen Religionen und Kosmovisionen vielfach weniger respektieren.

Grauer: Der Umbruch auf dem Markt für wissenschaftliche Zeitschriften macht auch vor ethnologischen Zeitschriften nicht halt. Viele auch über Jahre etablierte Zeitschriften wurden eingestellt oder erscheinen nur in digitaler Form im Internet (vgl. Cultural Anthropology, Ethnology, European Review of Latin American and Caribbean Studies, Temenos). Auch wird das Konzept der Zeitschrift gänzlich in Frage gestellt und nach neuen Wegen der wissenschaftlichen Kommunikation gesucht, so etwa moderierten online-Plattformen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Anthropos, einer Zeitschrift, die nun schon seit über 110 Jahren im Druck erscheint, sich aber mit einer Kooperation mit der Zeitschriftendatenbank Jstor® auch dem digitalen Zeitalter geöffnet hat?

Cipolletti: Ich plädiere natürlich weiterhin für gedruckte Ausgaben von Zeitschriften, aber die Kooperation mit Jstor® ist sinnvoll. Man erreicht darüber hinaus natürlich eine breitere Leserschaft, auch außerhalb der Ethnologie.

Grauer: Anthropos zeichnet sich durch einen umfangreichen Rezensionsteil aus. Einige ethnologische Zeitschriften veröffentlichen seit jüngerer Zeit keine Rezensionen mehr. Nutzen Sie den Rezensionsteil des Anthropos als Leserin und würden Sie eine Einstellung dieses Teilbereiches vermissen?

Cipolletti: Ich benutze sowohl den Rezensionsteil als auch die beiden letzten Rubriken: Neue Bücher und Zeitschriftenschau, oder so ähnlich. Insbesondere seitdem ich in Uruguay lebe und keinen einfachen Zugang zu Neuerscheinungen besitze, haben diese Rubriken eine wichtige Bedeutung für mich.

Grauer: Sie wissen, dass sich hier auf dem Gelände auch eine Philosophisch-theologische Hochschule befindet. An dieser studieren angehende katholische Theolog*Innen, auch Missionar*Innen. Der Besuch von Kursen in Ethnologie, die von Mitgliedern des Anthropos Institutes gegeben werden, ist für diese Student*Innen im Rahmen ihres Theologiestudiums verpflichtend. Wie sehen Sie es, dass Theolog*Innen Kurse in Ethnologie während ihres Studiums belegen müssen? Was sollten Ihrer Meinung nach angehende Missionar*Innen aus ihrer Beschäftigung mit dem Fach Ethnologie für ihren weiteren Studien- und Lebensweg mitnehmen?

Cipolletti: Ich glaube, diese Fragen sind implizit bereits durch die vorangehenden Fragen beantwortet.

Grauer: Zum Abschluss noch die berühmten drei romantischen Fragen, die Ethnolog*Innen immer wieder gestellt werden: Welche Ethnie hätten Sie gerne vor dem Erstkontakt mit Europäern getroffen? Welchen Ethnologen oder welche Ethnologin hätten Sie gerne einmal gesprochen? Was hätten Sie ihn oder sie gerne gefragt?

Cipolletti: Die erste Antwort ist nicht sehr kreativ. Eigentlich hätte ich gerne die Secoya und Tukano, bei denen ich seit 1983 forsche, vor dem Erstkontakt mit Europäern getroffen. Dies um Fragen zu stellen, die uns heute beschäftigen, wie zum Beispiel: lebten sie bereits damals im Hinterland, lebten sie in kleinen Gruppen, oder ist dies alles eine Auswirkung des Kontaktes mit den Europäern?
Zur zweiten Fragen. Ich hätte gerne den Reisenden Sir Richard F. Burton getroffen! Sie wissen, er ist derjenige, der in Mekka war, aber auch während des Chaco-Krieges in Argentinien. Wenn man ihn als Ethnographen bezeichnen darf, dann ist es klar: Sir Richard Burton ist es, den ich gerne treffen würde. Ich hätte ihn gefragt: Wollen Sie nicht Ihre Manuskripte sichern? Ihre Frau wird doch nach ihrem Tod ihre ganzen Manuskripte vernichten, um ihr Andenken im viktorianischen England zu schützen. Außerdem war sie katholisch. Aber klar, es ist natürlich anachronistisch…

Grauer: Sehr geehrte Frau Professor Cipolletti, ich möchte Ihnen für das Gespräch danken und wünsche Ihnen für Ihren weiteren Forschungsaufenthalt in Bonn alles Gute und natürlich freue ich mich auf Ihren nächsten Besuch hier in der Bibliothek des Anthropos Institutes.


Kurzinfo zu Frau Professor María Susana Cipolletti

Auswahl aus den Veröffentlichungen:

  • Jenseitsvorstellungen bei den Indianern Südamerikas. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, l983. [Dissertation]
  • El motivo de Orfeo y el viaje al reino de los muertos en América del Sur. In: Indiana 9.1984: 42l-43l.
  • Das Gesicht der Gottheiten: Der Gebrauch von Halluzinogenen bei den Secoya-Indianern Ecuadors. In: Curare. Zeitschrift für Ethnomedizin Sonderband 5.1986: 93-l09.
  • The Visit of the Realm of the Dead in Amazonian Mythologies of Siona and Secoya. In: Latin American Indian Literatures Journal 3.1987: 127-156.
  • El tráfico de curare en la cuenca amazónica (Siglos XVIII y XIX). In: Anthropos 83.1988: 527-540.
  • Langsamer Abschied. Tod und Jenseits im Kulturvergleich. Frankfurt am Main: Museum für Völkerkunde, 1989. (Roter Faden, 17) [Ausstellungskatalog]
  • Lacrimabili statu: Indianische Sklaven in Nordwestamazonien (l7-20 Jh.). In: Albert Meyers und Martin Volland (Hg.), Beiträge zur Kulturgeschichte des westlichen Südamerika. In: Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen l990: 207-227.
  • Schamanismus und die Reise ins Totenreich. Religiöse Vorstellungen der Indianer des südamerikanischen Tieflands. In: Mircea Eliade/Ioan P. Culianu (Hg.), Geschichte der religiösen Ideen, III/2: Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zur Gegenwart: 265-290. Herder Verlag. Freiburg i. Br., l99l. [Dänische Übersetzung in M. Eliade: De religiose ideers historie. Copenhagen, 1991; Spanische Übersetzung in: M. Eliade: Historia de las creencias y las ideas religiosas: 335-366. Barcelona, 1996]
  • Stimmen der Vergangenheit, Stimmen der Gegenwart: Die Westtukano Amazoniens 1637-1993. LIT Verlag. Münster, 1997 [Habilitationsschrift]
  • Jesuitas y Tucanos en el Noroeste amazónico del siglo XVIII. Una armonía imposible. In: Sandra Negro y Manuel Marzal (Hg.), Un reino en la frontera. Las misiones jesuitas en la América Colonial: 223-242. Lima: Pontificia Universidad Católica del Perú, 1999.
  • (Herausgeberin, zusammen mit Thomas P. Myers) Artifacts and Society in Amazonia. Markt Schwaben: Verlag Anton Saurwein, 2002. (Bonner Amerikanistische Studien, 36)
  • (mit Fernando Payaguaje) La fascinación del mal. Historia de vida de un shamán secoya (Amazonía ecuatoriana). Quito: Abya-Yala, 2008.
  • Hacia un shamanismo "light"? Cambios y adaptaciones en procesos religiosos en la Amazonía ecuatoriana (siglos XVIII al XXI). In: Anthropos 106.2011: 463-473.
  • Topoi y concepciones rectoras en historias de vida de sacerdotes de cultos afrocubanos en el Oriente de Cuba. In: Batey. Revista Cubana de Antropología Ciencias Sociales 4.2013: 114-134.
  • (mit Hanna Heinrich) El “buen vivir” Una perspectiva diacrónica de la noción de bienestar de los Tucano occidentales del Noroeste amazónico a la luz de la doctrina de Epicuro. Anthropos 110.2015: 87-97.
  • Sociedades indígenas de la Alta Amazonía. Fortunas y adversidades (siglos XVII a XX). Quito: Abya-Yala, 2017.

Festschrift:

  • Heinrich, Hanna und Harald Grauer (Hrsg.): Wege im Garten der Ethnologie. Zwischen dort und hier. Festschrift für María Susana Cipolletti. Sankt Augustin: Academia Verlag, 2013. (Collectanea Instituti Anthropos, 46)




 

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Frau Professor María Susana Cipolletti aus Parque del Plata, Uruguay 
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Harald Grauer 
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