Aus Blut und Wasser: Ghanaische Christen in multireligiösen Familien

24.05.2017

Sankt Augustin / Deutschland - Dr. Pater Moses Asaah Awinongya SVD, Jesus als Zentrum des Glaubens in Ghana

Dr. Pater Moses Asaah Awinongya SVD, Dozent für Dogmatik an der PTH, sprach unter dem Titel „Gott feiern – Gemeinschaft stiften. Jesus als Zentrum des Glaubens in Ghana“ am dritten Abend der Frühjahrakademie am 12. Mai 2017.

„In Ghana ist die Gesellschaft sehr plural hinsichtlich der Sprachen, der Stämme und der Religionen“, so Pater Dr. Awinongya über sein Heimatland. Die Religion ist fester Bestandteil des Gemeinwesens und des alltäglichen Lebens. Jeden Monat entsteht – statistisch gesehen – eine neue ‚Kirche‘ in Ghana.

Eine andere als europäische Identität

Doch wie identifiziert sich ein Ghanaer in einer derart pluralen Gesellschaft? Diese Frage ist, so wurde in seinem Vortrag deutlich, eine typisch europäische. Ausgangspunkt für die Identität in Ghana sei nicht, wie in Europa der aufklärerische Begriff des Individuums – „cogito ergo sum: Ich denke also bin ich“ –, sondern vielmehr die Zugehörigkeit zu seiner Blutsverwandtschaft, seiner (Groß-) Familie, seinem Klan und seinem Stamm. Dies ließe sich gut im Grundsatz „cognatus ergo sum: Ich bin blutsverwand, darum bin ich“ zusammenfassen.

Die traditionelle Vorstellung von Identität durch Stammeszugehörigkeit werde in den christlichen Gemeinschaften auf die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft übertragen. In der Kirche träte an die Stellte des Blutes, als Zeichen der Verwandtschaft, das Taufwasser, mit dem man sich in die Gemeinschaft mit Christus als Fundament stellt.

Christliche Glaube in traditionellen Kontexten

Das Hierarchische werde in allen „Kirchen“ in Ghana stark betont. Dies führe zu dem Missverständnis, dass einige die Hierarchie mit den Stammesstrukturen gleichsetzen. Darum werde auch manchmal das Bild von Christus in der katholischen Kirche durch das des Papstes, des Bischofs oder des Priesters ersetzt. Das Einheitsprinzip der Kirche und Christus als Urahn oder als Ursprung des Glaubens werde zwar gut angenommen, das Evangelium als frohe Botschaft und die Nachfolge Christie aber kämen dabei zu kurz.

So sei im Christentum in Ghana generell die wechselseitige Anerkennung der Taufe durch die verschiedenen christlichen Gemeinschaften nicht selbstverständlich. Die Meinung, ein Gottesdienstbesuch in einer anderen Gemeinde sei ein Abfall vom Glauben, ist in Ghana weit verbreitet und führe mithin zum Ausschluss von der Gemeinde. Ausnahmen hierbei bildeten Ereignisse, die eher mit der Familie in Zusammenhang gesehen werden, wie Hochzeiten und Beerdigungen.

Blut oder Wasser? Oder beides?

Trotz der religiösen Vielfalt ist das familiäre Leben in Ghana unkompliziert: Feiert der eine Teil der Familie zu Hause ein Fest, ganz gleich, ob christlich, muslimisch oder den traditionellen afrikanischen Religionen anhängend, so ist die ganze Familie eingeladen und feiert miteinander. Die Ghanaer können ihr fröhliches Temperament und ihre Tanzbegabung bei allen Feiertagen zeigen. Anscheinend ist im diesem Fall das Blut dicker als das Taufwasser.
Das Publikum kam nach dem prägnanten und informativen Vortrag sowie einer kurzen und unterhaltsamen Fragerunde einhellig zu dem Fazit: Die Christen in Ghana: Das sind Menschen aus Blut und Wasser.

Info-Kasten: Ghana – Land der Vielfalt
Ghana hat ungefähr 25 Millionen Einwohner, welche in zehn Verwaltungsregionen leben, über 65 unterschiedliche Sprachen sprechen und entsprechenden Stämmen angehören. Seit den 1980er Jahren ist laut der Volkszählung im Jahr 2010 die Anzahl der Anhänger alter Religionen auf 5,2% gesunken und das Christentum mit 71,2% vor dem Islam mit 17,6% stärkste Religionsgemeinschaft geworden. Von den Christen sind 13,1% katholisch. Der größte Teil der Christen gehört mit 28,3% Pfingstkirchen an. 18,4% sind protestantisch und 11,4% sind Mitglieder anderer Kirchen. Die katholische Kirche in Ghana zeichnet sich durch Papsttreue, ausgeprägte Marienfrömmigkeit und aufwendige Fronleichnamsprozessionen aus.


Josua Falkenau

 

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Dr. Pater Moses Asaah Awinongya SVD 
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