Die Ambivalenz kirchlicher Räume

21.06.2016

Sankt Augustin / Deutschland - Letzter Termin der Frühjahrsakademie über Architektur und Religion/Abschluss in der Krypta mit Lichtinstallation

Krypta mit Lichtinstallation von Stefan Knor.

Die "Ästhetik des Heiligen" war das Thema der diesjährigen Frühjahrsakademie. Am vierten und letzten Termin sprachen Dr. Cosmas Hoffmann, Dozent für Fundamentaltheologie an der PTH, und Stefan Knor, PTH-Absolvent und Künstler, unter dem Titel "Pforten des Himmels" über Architektur und Religion. Zum Abschluss des Abends erlebten die Besucher eine Überraschung: Knor hatte in der Krypta des Klosters eine Lichtinstallation vorbereitet.

Bereits in frühesten Zeiten begingen Menschen religiöse Rituale und Zeremonien an speziellen Orten wie Bergen, Hainen oder Höhlen. Später wurden an diesen Orten auch Tempel gebaut, um den Göttern heilige Häuser zu erschaffen. Auch das Volk Israel baute Gott einen Tempel, doch zugleich findet sich bei den Propheten auch immer ein kritischer Blick auf den Menschen, der Gott ein Haus bauen und sich so seiner bemächtigen will. Ein Beispiel hierfür ist Jesu Kritik am Umgang mit dem Tempel zu seiner Zeit. Da er mit dem Abendmahl seinen Jüngerinnen und Jüngern zum Gedächtnis eine Mahlfeier hinterließ, trafen sich die frühen Christen zuerst in ihren Häusern, um gemeinsam zu feiern und zu beten.

Stefan Knor (links) und Dr. Cosmas Hoffmann OSB in der Krypta.
Stefan Knor (links) und Dr. Cosmas Hoffmann OSB in der Krypta.

Als mit der Anerkennung des Christentums die Zahl der Christen wuchs nutzte man große Basiliken, deren Grundform dann auch in den späteren Kirchbaustilen wiederzufinden ist. Der Kirchenraum wird somit vor allem als Ort der Kirchengemeinde verstanden, die durch die Feier des Gottesdienstes das steinerne Gebäude heiligt und selbst als lebendige Steine zum eigentlichen Wohnort Gottes wird.

Kirche als Trutzburg, Kirche als Paradies auf Erden

Knor stellte die Beziehung verschiedener Baustile zu den jeweiligen Glaubenswelten der Epoche her: In der Zeit der Romanik (ca. 1000 bis 1200) fürchteten die Gläubigen das Böse. Kirchen sind daher regelrechte Trutzburgen, die speziell gen Westen mit starken Bollwerken gegen dunkle Mächte versehen wurden. Stifter, Spender und sonstige Gönner wurden im Kirchenraum mit den Füßen in Richtung Osten beerdigt, sagte Knor: "Dahinter steckte die Idee, dass die Toten das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewendet haben mussten, um den Tag der Auferstehung zu erkennen."

Die Gotik (ca. 1150 bis 1400) dagegen interpretierte einen Kirchenbau als begehbaren Reliquienschrein oder direkt als ein Stück Himmel auf Erden. Die Entdeckung von Strebepfeilern als architektonische Elemente ermöglichte höhere, offenere Bauten und eine insgesamt "leichtere" Bauweise mit großen Fenstern. Die Sonne, die durch farbig verglaste Fenster Lichtspiele in die Kirchen zaubern konnte, sollte die Menschen an die Unsterblichkeit der Seelen erinnern. Kirchenportale wurden nicht mehr als Bollwerke gegen eine bedrohliche Außenwelt, sondern als einladende Pforten in das Himmelreich gestaltet.

Im Barock wiederum lässt sich eine unterschiedliche Gestaltung katholischer und protestantischer Kirchen beobachten. Während katholische Kirchen mit ihrer überbordenden Dekoration die Gläubigen mit allen Sinnen schier überwältigen wollten, schufen protestantische Kirchenbauer religiöse Auditorien: fast runde Innenräume und eine Kanzel direkt über dem Altar sollten dafür sorgen, dass möglichst jeder Gottesdienstbesucher die Predigt gut verstehen konnte.

Die Ansprache von Verstand und Sinnen gleichermaßen erlebten die Besucher der Frühjahrsakademie zum Abschluss in der Krypta. Mit Licht, Weihrauch, Musik, Bibeltexten und einem Abendsegen ließen Hoffmann und Knor noch einmal alle Themen der Frühjahrsakademie 2016 Revue passieren.