Die Macht der Nase

23.05.2016

Sankt Augustin / Deutschland - Im dritten Termin der PTH-Frühjahrsakademie ging es um die Wirkung von Düften und Geruchskulturen in den Religionen

Prof. Dr. Peter Ramers und Theologe und Künstler Stefan Knor bei der Frühjahrsakademie.

Eigentlich sind wir Menschen „Augentiere“, der Sehsinn wird als der wichtigste wahrgenommen. Doch ist der Geruchssinn der einzige Sinn, bei dem das Zentralnervensystem offenliegt und in unmittelbarem Kontakt zu unserer Umwelt tritt, ohne dass wir uns dagegen wehren könnten. Insbesondere Erinnerungen werden durch Gerüche wachgerufen und haben damit einen hohen biographischen Bedeutungswert. Da Gerüche oft mit starken Emotionen verbunden sind, werden sie in religiösen Ritualen bei der Kommunikation mit Göttern und Ahnen genutzt.

Um „die Macht der Nase“ drehte sich der 3. Abend der PTH Frühjahrsakademie. 35 Gäste verfolgten gespannt den Dialog von Prorektor Prof. Dr. Peter Ramers und Stefan Knor, Theologe und Künstler. An unterschiedlichen Duftproben, die in verschlossenen Gläsern auf den Tischen bereit standen, konnten die Besucher die Thesen der Referenten selbst „erschnuppern“.

In antiker Zeit wurden Duftstoffe zunächst nur in religiösen Zusammenhängen verwendet. Gesellschaftliche Wandlungsprozesse führten dazu, dass sie auch im profanen Bereich zur Anwendung kamen. Im antiken Rom beispielsweise waren Körperpflege und -öle für die gebildete und wohlhabende Oberschicht

selbstverständlich.
Ganz anders das Mittelalter: Die Menschen wuschen sich wenig, da sie glaubten, dass Wasser – speziell warmes Wasser – anfälliger für Krankheiten mache. Außerdem war man der Überzeugung, dass üble Gerüche Ansteckungsstoffe (z.B. Pesterreger) übertragen würden. Erst durch die Kreuzzüge und durch Kulturkontakte mit Muslimen in Südspanien oder auf Sizilien kamen die Europäer wieder in Berührung mit Körperpflege und Parfums.

„Bis ins 19. Jahrhundert herrschte eine große Toleranz gegenüber menschlichen Gerüchen“, betonte Professor Ramers. Dies änderte sich auch durch die zunehmende Verstädterung und Individualisierung. Ramers: „Das Geruchsempfinden wurde privatisiert, man achtete darauf, andere nicht mit unangenehmen Gerüchen zu belästigen.“

Wahrnehmung von Geruch ist eine Frage der Kultur

Wie Gerüche wahrgenommen werden, ist auch eine Frage der Kultur. „Doch scheint das Oppositionspaar von guten und schlechten Gerüchen im allen Kulturen eine wichtige Rolle zu spielen“, erläuterte Ramers. Außerdem werden Krankheiten und Bedrohungen aller Art oft mit schlechten Gerüchen assoziiert. Wohl auch deswegen gibt es in vielen Religionen Reinigungsrituale, die mit Düften zu tun haben. So verbrennen beispielsweise buddhistische Gläubige Räucherwerk aus Sandelholz, um die Befleckungen des Geistes zu verringern und Verdienst anzusammeln.

Um Krankheiten zu heilen oder ihrer Verbreitung vorzubeugen, werden auch in Europa schon lange ätherische Öle eingesetzt. Pestärzte trugen beispielsweise Schnabelförmige Masken, die mit Lavendel gefüllt waren. „Heute weiß man, dass Lavendel antibakteriell wirkt“, berichtete Knor. Ebenfalls antibakteriell und stärkend für das Immunsystem wirkt Zimt. Zimt ist traditionell auch im Krankenöl, das bei der Krankensalbung verwendet wird, enthalten.

Der Duftspender, an den Katholiken am häufigsten denken, wenn sie Kirche und Gerüche in Verbindung bringen, ist sicherlich der Weihrauch. Das Harz war schon in der Antike begehrt und wurde, so Knor, in Gold aufgewogen. Nicht ohne Grund brachten die Heiligen Drei Könige dem Kind in der Krippe Weihrauch als Geschenk. Auch der Weihrauch wirkt antibakteriell ebenso wie bewusstseinserweiternd. Ein Hinweis darauf, dass Glaube nicht nur eine Sache des Verstandes ist.