Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren in der christlichen Kunst

22.03.2016

Sankt Augustin / Deutschland - Erster Abend der Frühjahrsakademie an der PTH St. Augustin über das „Sehen“

„Sinnenvoll Glauben. Über die Ästhetik des Heiligen“ lautet das Motto der diesjährigen Frühjahrsakademie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule SVD St. Augustin (PTH). Beim ersten Termin über das Sehen erfuhren rund 40 Gäste Wissenswertes über die Bedeutung des Sehens in der abendländisch-christlichen Tradition. Professor Dr. Peter Ramers, Prorektor und Religionswissenschaftler an der PTH, sowie Stefan Knor, Theologe und Künstler, zeigten an zahlreichen Beispielen aus zwölf Jahrhunderten, wie sich die Sehgewohnheiten der Gläubigen änderten und wie sich ihre Glaubens- und Lebenswelt in Bildern und Skulpturen widerspiegelt.

Frühjahrsakademie - Blick in den Audimax

Das Hochschulteam hatte den Audimax der PTH für die Veranstaltung gründlich umgebaut: Anstelle von Pult und Standmikrofon positionierten sie auf einer Bühne Sessel, Beistelltischchen und Kerzenleuchter. Die Gäste saßen nicht, wie ansonsten üblich, in Sitzreihen, sondern nahmen an 3-er und 4-er-Tischen Platz. Kombiniert mit einer angenehmen Beleuchtung ergab sich so die Atmosphäre für einen informativ-unterhaltsamen Abend.

Zunächst erläuterte Professor Ramers in einer kurzen Einführung die Bedeutung von Sinneserfahrungen in den Religionen und im Besonderen in der christlichen Tradition: Die Menschen, so betonte er, sehnten sich danach, das Heilige in Bildern vor Augen zu haben, um mit ihm auf diesem Wege in einen unmittelbaren Kontakt treten zu können – auch wenn einige Religionen dies aus bestimmten Gründen verböten.

Frühjahrsakademie 2016 - Professor. Dr. Peter Ramers

Stefan Knor erläuterte an anschaulichen Beispielen, wie das Gehirn „Gesehenes“ verarbeitet. Beispielsweise vollendet es – ohne bewusstes Zutun – unvollendete Formen. Dabei greift es auf kulturelle Prägungen und Vorerfahrungen zurück.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch religiöse Bilder die jeweils aktuelle Glaubens- und Lebenswelt des Künstlers und der Gläubigen widerspiegeln. Ramers und Knor zeigten dies anhand von Motiven, die bis heute von Künstlern aufgegriffen werden und ihre Prägekraft behalten haben: die Pietá, die Kreuzweg- und Auferstehungsdarstellungen oder das letzte Abendmahl.

Frühjahrsakademie - Stefan Knor

Die mittelalterlichen Pietá- und Kreuzigungsdarstellungen zeugen vom Leiden der Menschen in ihrer Zeit. Jesus wird ausgemergelt und von Wunden übersät dargestellt; im 14. Jahrhundert weist sein Körper nicht selten – wie beim Isenheimer Altar – auch Pestbeulen auf. Ganz anders in der Renaissance: Der Auferstandene steigt hoch erhobenen Hauptes, dargestellt nach dem Schönheitsideal der Antike, aus seinem Grab empor. Viele moderne Abendmahlsdarstellungen wiederum orientieren sich bis heute an dem weltbekannten Fresko Leonardos da Vincis und versuchen, das Geschehen in die Gegenwart zu übersetzen, indem sie Jesus beispielsweise inmitten einer Gruppe von Junkies platzieren.

Bei vielen Besuchern weckte die Reise durch die religiöse Kunst Lust auf mehr. Dazu besteht noch drei Mal die Gelegenheit, denn im April, Mai und Juni finden weitere Termine der Frühjahrsakademie statt: Am 22. April geht es um das Hören, am 20. Mai wird das Riechen besprochen, und am 17. Juni steht das Fühlen auf dem Programm. Alle Veranstaltungen beginnen um 19.30 Uhr im Audimax der PTH St. Augustin. Anmeldung ist bis zum Tag vor dem jeweiligen Termin möglich unter info@pth-augustin.eu oder 0 22 41/237-222. Der Eintritt ist frei.

Frühjahrsakademie - Blick von vorn
 

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